Zora minimiert

Der Pakt mit dem Teufel

(Trigger: sexueller Missbrauch)

Die Idee des Pakts mit dem Teufel ist alt. Goethe hat sie aufgenommen, aber der Gedanke ist wohl älter als die Bibel. Vor einiger Zeit habe ich den folgenden Link gefunden, der Weggabelungen aus psychologischer und mythologischer Sicht betrachtet: https://thoughtcatalog.com/nick-averbuj/2014/11/are-you-at-a-crossroads-in-your-life-it-means-more-than-you-realize/ Diese Ansicht fand ich sehr spannend, die Sache mit dem Teufel liess mich allerdings nicht los. Da ich Goethe nur auszugsweise gelesen habe, wende ich mich einer naheliegenderen Legende zu: Robert Johnson.

Robert Johnson wurde 1911 geboren. Er hatte eine eher schwierige Kindheit, lernte früh Mundharmonika spielen und als Teenager Gitarre. Viel mehr weiss man nicht über ihn, ausser, dass er als Jugendlicher ein schlechter Gitarrist war. Dennoch wollte er in seiner Stammbar ständig auftreten. Eines Tages verschwand er, und als er zurückkam, hatter er sich zu einem genialen Gitarristen entwickelt. Rasch entstand das Gerücht, er habe mit dem Teufel einen Pakt abgeschlossen.  Er widersprach nicht. Robert Johnson starb früh: Er wurde gerade mal 27 Jahre alt.

Spätere Musiker haben das Gerücht gerne aufgenommen, gerade in sehr christlichen Gegenden ist es sehr einfach, mit dem Teufel zu schocken. Die Geschichten wurden immer wilder, der Kern bleibt aber gleich: Der Musiker will unbedingt Erfolg, schliesslich erkärt ihm (seltener ihr)  jemand, er müsse um Mitternacht an die Wegkreuzung am Rande der Stadt, wo der Teufel ihm dann das Talent geben werde. Der Musiker bezahlt mit seiner Seele. Talent und Erfolg kommen, die Seele ist verloren.

Die Sache mit dem Talent ist leicht zu erklären. Nach dem gewissen Treffen übt der Musiker bis zur Besessenheit. In Johnsons Fall ist anzunehmen, dass er falsch übte und sein Stil seiner Zeit voraus war. Wir könnten weiterhin annehmen, dass das Publikum in seiner Bar eher konservativ war und nicht bereit, sein Talent zu entdecken. In der Zeit, in der Johnson erwachsen wird, kann er mit Hilfe eines guten Lehrers sein Talent entwickelt haben. Man vergleicht ihn mit der Nervensäge, die schlecht spielte und redet seine Teenagerzeit noch ein wenig schlechter, als sie es war. Der Graben zwischen dem jungen und dem entwickelten Johnson erscheint so um so grösser.

Kommen wir zum vermeintlichen Höhepunkt: dem Treffen mit dem Teufel. Johnson wird sich überlegt haben, was er aus seinem Leben machen will. Sich dafür zurückzuziehen, vielleicht sogar nächtelang darüber nachzudenken, ist üblich und ich kann mir auch vorstellen, dass das draussen, am Rand der Stadt, besser funktioniert. Niemand beschwert sich über das brennende Licht, man ist sicher allein mit seinen Gedanken. Ich persönlich glaube nicht, dass man dem Teufel begegnen kann, deswegen kann ich auch nicht erklären, wie genau man ihn trifft. Vermutlich würde ich es auch nicht öffentlich schreiben, wenn ich dächte, ich wüsste es. Wie dem auch sei, eigentlich ist nicht wichtig, mit wem genau unser Musiker ein Pakt eingeht. Ich würde es mit mir selbst eingehen. Wichtig scheint mir: Die Karriere geht nicht vorwärts, man muss sich entscheiden, wie es weitergeht, und man macht es allein, möglicherweise tatsächlich in der Nacht, als Nachteule am Stadtrand.

Ich glaube nicht, dass jeder so einen Pakt eingehen kann und vorallem will. Viele Künstler und Politiker haben einen oder mehrere der folgenden Charakterzüge stärker ausgeprägt als der Durchschnitt: Narzissmus, Neigung zur Manipulation anderer Menschen und Psychopathologie. Wer recherchieren will: Dunkle Triade oder Dunkler Dreiklang. Keiner der Charakterzüge muss sich negativ äussern, sie alle sind Teil der Persönlichkeit. Ich vermute aber, sie sind ein starker Antrieb, seine Seele für den Erfolg, Macht oder Geld zu verkaufen. Und in diesem Post geht es um diejenigen, die diese Charakterzüge haben.

Die Seele verkaufen oder zumindest zu einem winzigen Knäuel zusammenquetschen und in die hintersten Windungen des Herzens verbergen. Manche haben wohl Talent und Ausstrahlung, so dass der Erfolg von allein kommt. Andere jedoch müssen dafür jede Sekunde üben und vernachlässigen darüber ihre Familie und Freunde.

Die nächsten bezahlen mit Sex. Um es gleich zu sagen: Fast immer handelt es sich um sexuellen Missbrauch, was absolut verwerflich ist. Keine Frage. Es gibt jedoch eine dunkelgraue Zone: Welcher vielversprechende Künstler fühlte sich nicht geehrt, an eine Champagnerparty eingeladen zu werden? Die Gesprächspartner, die subtil zum Sex drängen, sind vielleicht ein kleines Bisschen zu alt, aber doch jung genug, noch attraktiv zu sein. Die sexuelle Erfahrung und das Umwerben machen den Altersunterschied wieder wett. Und behalten wir die dunkle Triade im Auge, manche gehen gerade beim Sex gerne grosse Risiken ein. Aber egal wie freiwillig jemand seine Jungfräulichkeit (auch im Sinne von liebenswerter Naivität, Neugier und Freude) verkauft, der Tausch in Form von Geld und Erfolg ist ein schlechtes Geschäft. Und selbst wenn es nicht um Erfolg geht, ist der Tausch schlecht. Ich habe betrunken einige Männer geküsst, die ich in nüchternem Zustand nicht angefasst hätte.Die Drinks hatten sie spendiert und es war klar, dass sie sich etwas erhofften. Ich bereue diese Knutschereien nicht, ich weiss aber inzwischen, dass viele solcher Erfahrungen nicht aus Neugier, Sympathie und gegenseitiger Anziehung geschehen, sondern aus einem Machtgefälle heraus. Schöner wäre, wenn wir frei entscheiden könnten, wem wir Liebe oder einen Orgasmus oder beides schenken und wenn die Beschenkten wirklich dankbar dafür wären. Sexualität sollte keine Währung sein.

Wer es nicht schafft, mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben, steht bald alleine da. Dazu kommen vielleicht Scham und Leere wegen diversen Missbräuchen. Aber viel Zeit bleibt nicht, sich darüber Gedanken zu machen, denn der Erfolg kommt und mit ihm viele Auftritte, vielleicht auch Reden, Wahlkämpfe und Vernissagen. Alkohol und diverse Drogen sind immer verfügbar und werden einem mehr oder weniger subtil aufgedrängt. Wer jetzt noch alte Freunde hat, droht sie aus Überheblichkeit zu verlieren, Koks kann das seine dazu beisteuern. Der Erfolg wird irgendwann abflachen, vor dem zweiten Werk oder dem nächsten Karriereschritt ergibt sich aber meistens die Gelegenheit, seine Seele einigermassen gesundzupflegen.

Unser Musiker könnte an seine alten Freundschaften anknüpfen, seine Eltern besuchen und den Kontakt mit ihnen neu aufbauen. Möglicherweise lässt sich eine beginnende Sucht auch ohne grossen Aufwand in den Griff bekommen und die Seele heilen. Oder zurückbekommen, sofern man an den Teufel glaubt, der die Seele genommen hat. Mir kommt schon wieder Harry Potter in den Sinn, bzw. Voldemort. Er könnte sich selbst retten, wenn er wollte.

Die meisten jedoch machen mit Volldampf weiter. Sie sind anfang 20, attraktiv, haben Erfolg und bekommen viel Geld. Warum aufhören? Ausserdem werden einem Drogen und Sex nachgeworfen und ständig passiert etwas aufregendes. Nur eines merkt man nicht: Wie sehr das alles auslaugt. Das gestreckte Heroin. Die vielen Joints, die einen träge machen und daran hindern, die immer noch guten Ideen umzusetzen. Die Aussetzer wegen des masslosen Alkoholkonsums. Vielleicht sogar der eine oder andere kurze Aufenthalt in einer Gefängniszelle. Mancher Musiker hat längst auch die Grenze zur Gewalt oder zum Dealen überschritten, um den Rausch finanzieren zu können. Dazu kommen der Erfolgsdruck und die Einsamkeit, denn eigentlich ist einem klar, dass viele der neuen Freunde einen nur wegen des Geldes oder Ruhmes lieben und ansonsten ignorieren würden.

Dieses Leben kann man nicht lange führen, der Körper rebelliert nach einigen Jahren. Ausserdem hat man trotz allen Stresses die eine oder andere ruhige Minute und sehnt sich nach einer festen Beziehung oder gar einer Familie. Ende 20 ist die Luft oft raus, das war bei vielen meiner Freunde so und auch bei mir. Meine Freunde haben aufgehört, zu viel zu trinken, spielen weniger Gitarre und führen feste Beziehungen. Viele finden mit Ende 20 einen neuen Rhythmus, manche jedoch nicht. Somit lässt sich auch recht gut erklären, warum viele Musiker mit 27 Jahren sterben. Wirtschaftsführer scheinen später im Leben die entscheidende Krise zu haben. Ihre Karriere wird gesellschaftlich besser akzeptiert, ihre Partner haben allerdings irgendwann die Nase voll, so oft im letzten Moment versetzt zu oder gar betrogen zu werden. Manager, die nur noch aus geschäftlichen Gründen Golf spielen, haben gar nichts, was sie auffangen würde, wenn ihre Frauen sie verlassen. Allein, vielleicht mit einem Alkohol- oder Koksproblem, sehen sie keine andere Lösung als den Selbstmord. Allen ist gemeinsam, dass sie den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt nicht schaffen. Ich habe eher aus Männersicht geschrieben, da ich nur von wenigen Frauen weiss, die unter ähnlichen Umständen gestorben sind oder aber es geschafft haben, sich weiterzuentwickeln. Ob Robert Johnson, Janis Joplin oder Amy Winehouse: Ihre Lebensumstände ähneln sich. Frauen und Männer scheinen etwa zur selben Zeit die selben Probleme zu haben.

Wie das Leben so spielt, auch dieser Beitrag hat eine ganze Weile in meinem Kopf herumgespukt. Erst beim Schreiben kam ich auf den Gedanken, Johnsons Lebensdauer zu überprüfen, ich war vom Ergebnis natürlich nicht überrascht. Interessanter ist, dass ich letzte Woche das Interview eines Überlebenden gelesen habe: Terence Trent D’Arby, seit seiner Wiedergeburt Sananda Maitreya genannt: https://www.theguardian.com/music/2017/oct/05/why-terence-trent-darby-became-sananda-maitreya-it-was-that-or-death

Er ist überzeugt, dass er mit 27 gestorben ist und neu angefangen hat. Man mag von seinen Aussagen halten, was man will: Dem Tod zu entkommen oder seine Seele zurückzubekommen ist nicht einfach.

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Shit happens – darüber sprechen

Gestern habe ich „Boys don’t cry“ von Jack Urwin gelesen, ein Buch, das ich unbedingt lesen wollte. Der Journalist ist Mitte 20 und hat es als junger Erwachsener geschafft zu erkennen, dass er wie sein Vater zu werden droht: Ein Mann, der nicht über seine Gefühle spricht, aus Angst, die Kontrolle zu verlieren, als schwach dazustehen.

Ich mag das Buch als Einführung in diverse Themen, die besprochen werden müssen, ich vermisse allerdings mehr Alltagstipps. Sicher hat er Recht, wenn er meint, sich zu öffnen, um Selbstmorde zu verhindern, sei einer der wichtigsten Schritte zu einer gesunden Männlichkeit. Was das auch immer heisst. Eben das wird auch bei ihm nicht so klar.

Das Buch hat mich bewogen, meinen Briefkasten mal wieder zu öffnen und mit gutem Beispiel voranzugehen und zu erzählen, wie ich mich über schwierige Situationen austausche.

Dass ich gelegentlich etwas zu spät zahle und eine Mahnung erhalte, ist das eine. Es ist etwas anderes, wenn eine Gerichtsverfügung im Briefkasten ist und man möglicherweise eine Aussage vor Gericht wiederholen muss. Ich werde nicht gross auf diesen einen Vorfall eingehen, es genügt zu wissen, dass es in der Nacht geschah und ich sehr viel Glück hatte. Und bevor ich darauf zurückkomme, ein paar Gedanken zu meiner Familie.

Ich war fast erwachsen, als ich das erste Mal mit einem bedeutsamen Todesfall konfrontiert wurde: Meine Grossmutter wachte nicht mehr auf. Zwei Jahre später brach mein Grossvater zusammen. Beide starben ziemlich genau so, wie sie es sich gewünscht hatten: Nach einem erfüllten Leben, bevor die Altersgebrechen wirklich mühsam wurden oder sie ans Bett gebunden waren.

Ich weiss noch, dass ich Schulferien hatte, als Grossmutter starb, was mir eine Woche Zeit verschaffte, einigermassen zu mir zu kommen. An viel mehr kann ich mich nicht erinnern, und ich weiss nicht, ob das gut oder schlecht ist. Vermutlich haben meine Eltern, meine Schwester und ich das Thema Grossmutter (später Grossvater) einige Wochen gemieden, dann jedoch begonnen, Erinnerungen auszutauschen. Das tun wir heute noch, aber ich glaube nicht, dass meine Eltern jemals gesagt haben, dass sie sie vermissen. Meine Eltern haben ihre Gründe, warum sie sind, wie sie sind. Ich hatte nie ein Problem damit. Denke ich.

Ich erholte mich und einige Jahre später gab es einen neuen Todesfall: Mein Pate starb mit Mitte 50. Diesmal durfte ich eine Woche frei nehmen und die verbrachte ich bei Verwandten. Mein Pate war mehr oder weniger das einzige Thema und verblüfft stellte ich fest, dass dieser Umgang nicht half. Es schadete mir nicht, über ihn zu sprechen, aber es half auch nicht so viel, wie ich mir nach unzähligen psychologischen Büchern vorgestellt hatte. Aber vielleicht war ich ja tatsächlich ein merkwürdiger Mensch?

Ich brauchte 3 Jahre, um diesen Todesfall ganz zu verarbeiten. Also, so ganz das eben möglich ist. Was mir half, war Ablenkung. Mein Pate war ein neugieriger Mensch und ich merke heute noch, dass mich das prägt. Am meisten geholfen hat mir aber die Arbeit und später das Studium, meinen Kopf mit etwas zu füllen, damit ich nicht grüble oder die Wand anstarre. Nur ein Jahr, nachdem ich mich erholt hatte, starb mein Onkel. Es war diesmal Ende Sommer und ich verbrachte jeden Abend versteckt in einem botanischen Garten. Allein, denn ich wusste nicht, worüber ich reden sollte. Womit wir beim Thema wären.

Beide Männer sind zu früh gestorben und das ist unfair und unverständlich. Ich dachte aber ziemlich schnell: Egal, wie oft ich darüber spreche, es wird nicht verständlicher. Am Ende kann man es einfach nur akzeptieren. Ich verstehs immer noch nicht und es ist immer noch unfair.

Es vergingen wieder einige Jahre, bis Sommer 2016, als der Vorfall geschah. Ich hatte weiterhin Bücher verschlungen, aber inwischen war ich unsicher, über das Reden über etwas in 100% der Fälle die beste Taktik ist. Gelegentlich las ich, ein Debriefing nach einem Amoklauf  verfestige nur das Geschehene. Auf Facebook wurde ein Afrikaner zitiert, er verstehe nicht, warum Depressionen allein mit einem Psychologen in einem dunklen Raum besprochen werden. Der Erkrankte gehöre an die die Sonne, in die Mitte des Dorfes, wo er allmählich wieder Teil der Arbeit und der Gemeinschaft wird. Leider gab es dazu keine Quelle. Um es kurz zu machen, bisher hatte ich meine Erlebnisse oft geteilt, ich hatte aber auch bereits die Erfahrung gemacht, dass Ablenkung manchmal mehr hilft als ständiges Widerkäuen.

Juni 2016 nach dem Vorfall also. Ich schloss mich in der Wohnung ein, setzte mich zitternd aufs Bett und rief einen Freund an, in der Hoffnung, etwas runterzukommen und danach schlafen zu können. Ich erzählte kurz, was geschehen war, legte mich hin und konnte vor Anspannung nicht schlafen. Die Poliziei fand DNA-Proben,  fasste meinen Bericht in kurzen Worten zusammen und das wars vorerst von behördlichen Seiten.

Ich erzählte anfangs nur wenigen Freunden vom Vorfall. Manche waren geschockt, andere hörten geduldig zu. Ich merkte, dass mir das einfache Zuhören und ruhige Nachfragen am meisten half. Was ich nicht mochte, war übermässige Anteilnahme. Ich mag es heute noch nicht, wenn jemand mich als mutig bezeichnet oder meint, sie könnte nicht an den Ort des Geschehens zurückgehen. Ich kann, es bleibt mir auch nichts anderes übrig, als mich immer wieder dort aufzuhalten. Wie gesagt, ich hatte viel Glück. Ich habe deswegen nicht allen davon erzählt, eben weil ständige Bestürzung mich irgendwie darin zu bestärken schien, ein Opfer zu sein. Ich bin kein Opfer. Ich bin wütend auf den Täter, aber ich bin kein Opfer. Ich will einfach mein Leben weiterführen.

Seither habe ich etwas mehr Schlafprobleme als vorher, aber nichts, was ich nicht im Griff hätte. Es verging ein gutes Jahr, bevor ich von der Behörde wieder etwas hörte. Ich wurde diesmal zu einer Einvernahme vorgeladen. Im ersten Moment fühlte ich mich, als wäre der Vorfall eben erst geschehen. Erst sträubte ich mich gegen den Termin, es war, als müsste ich mich dorthin zerren. Aber als ich dort war, lief es gut und danch fühlte ich mich ziemlich erleichtert. Nach einige Wochen erfuhr ich, dass es andere Geschädigte gab. Ich nahm es gefasst auf, wenn auch etwas zittrig. Ich verstehe seither besser, warum reden und mehrmals vernommen zu werden einem schaden können. Mit jedem Erzählen und Nachhaken wird das Geschehene mehr Teil der eigenen Geschichte, statt dass es in den Hintergrund tritt.

Menschen sind sich ähnlicher, als sie oft glauben. Reden ist keine Frauensache und Schweigen macht einen Mann nicht männlicher. Ein Problem in Worte zu fassen, hilft in den meisten Fällen, es zu verarbeiten, allerdings gibt es Hinweise darauf, dass kurzes Schreiben statt langen Gesprächen manchmal hilfreicher ist. Ich wünschte auch, Kunst würde stärker als Kommunikationsmedium wahrgenommen. Mir hilft meistens Humor, nebst Schreiben und Erzählen, allerdings schaffe ich es selten, den Vorfall humorvoll zu betrachten. Das ist für mich eine neue Erfahrung. Aber vermutlich werde ich mit der Zeit mit mehr Leichtigkeit darüber sprechen.

 

 

Asiatische Sichtweisen

Eigentlich sollte das ein neues Follow Up werden, aber ich habe gemerkt, dass die anderen Dinge nicht fertig gedacht sind und ein Follow Up mit nur einem Thema ist etwas karg. Der zweite Punkt meiner Liste sollte zwei neue Freundschaften zum Thema haben, aber wie gesagt, was ich dazu schreiben wollte, bleibt nebulös.  Vielleicht sollte ich doch mal wieder Tagebuch schreiben und meinen vollen Kopf entlasten. Wie Dumbledore mit seinem Denkarium.

Der Post ist über traditionelle chinesische Medizin (Akupunktur) und ich war mir nicht sicher, ob ich darüber was schreiben soll, weil es nicht mein Hauptinteresse ist.  Deswegen verzichte ich darauf, das Thema im Titel zu erwähnen. Mir sind dieses Jahr zwei spannende Links dazu begegnet, die ich euch nicht vorenthalten will. Ich finde sie aus sprachlichen  Gründen interessant, was der zweite Grund für meinen Titel ist.

Ich war überrascht, als vor einigen Jahren ein Bekannter erzählte, er studiere traditionelle chinesische Medizin. Ich wusste nicht recht, was ich davon halten soll, schliesslich gilt Akupunktur und was es sonst noch geben mag, nicht als wissenschaftlich. Warum es dann studieren? Dieses Jahr sind mir dann zwei Links begegnet, die sich in gewisser Weise widersprechen: Skeptiker Brian Dunning https://skeptoid.com/episodes/4259 erzählt, wie Mao Zedong in China moderne Heilmethoden einführen will, jedoch die Mittel dazu nicht hat. Die widersprüchliche Volksheilkunde ist besser als nichts und in einem dicken Buch fasst er zusammen, was bei Krankheit und Unfall zu tun ist, mit dabei sind auch die neuesten Erkenntnisse, Medikamente und Geräte. Das Buch wird auf Englisch übersetzt, allerdings nur der Teil über chinesische Heilkunde, der moderne wird einfach unter den Teppich gekehrt. Die unvollständige Übersetzung wird zur Grundlage für die Begeisterung für was wir traditionelle chinesische Medizin nennen.

Chris Kresser hingegen studiert Traditionelle Chinesische Medizin und erklärt hier https://chriskresser.com/chinese-medicine-demystified-part-i-a-case-of-mistaken-identity/ wie Akupunktur funktioniert. Interessant ist für mich als Sprachstudentin der erste Teil seiner erklärenden Serie. Ob die Funktionsweise wirklich korrekt ist, weiss ich nicht. Jedenfalls erklärt er für mich nachvollziehbar, wie die Hauptbegriffe Lebensenergie und Lebensbahnen (sinngemäss, der Link ist auf Englisch) vor einigen hundert Jahren korrekt in eine europäische Sprache übersetzt wurden, das Dokument der Asiaten jedoch auf wenig Anklang stiess. Erst eine neue Übersetzung mit den Begriffen Lebensenergie (für Chi) und Meridiane stiess auf Begeisterung. Gemäss Chris ist mit Chi in diesem Zusammenhang letztlich Sauerstoff gemeint und die Lebensbahnen sind Blutgefässe. Die Chinesen wussten offenbar ganz genau, wie der Körper funktioniert, hatten allerdings kein Konzept für Gase wie Sauerstoff. Kresser beschreibt im Weiteren, wie Sauerstoff möglichst ohne Hindernisse durch den Körper gebracht werden soll und hat auch ein Erklärungsmodell für die Wirkungsweise von Akupunktur.

Mich hat  fasziniert, wie die falsche Wahl eines Wortes die Geschichte ändern kann. Ich frage mich inzwischen, ob buddhistische Texte korrekt übersetzt wurden und wenn ja, ob es notwendig war, sie unkommentiert zu drucken. Ein Mantra mag vielleicht auch dann wirken, wenn man es nicht versteht, einfach, weil singen gut tut, aber auf Dauer kann ich (andere mögen anders ticken) etwas nur aufnehmen, wenn ich es so gut wie möglich verstehe. Wenn mir aber quasi alle nur sagen, ich solle über das Klatschen einer einzelnen Hand meditieren und keinen Kontext geben, kann ich mich nicht weiterentwicklen. Genau so jedoch empfand ich Meditation bis vor 2 Jahren. Stephen Batchelor beschreibt in Confession of a Buddhist Atheist, wie er zwar ein hoher Mönch wurde, das Wesentliche jedoch nie begriff. Ich will nicht wissen, wie viele westliche Buddhisten glauben, es sei immer zu ihren Besten, wenn ihnen Wissen vorenthalten wird. Das muss nicht bewusst passieren, es ist ist schwierig und anstrengend, kulturelle Unterschiede zu erkennen und zu benennen (selbst dann, wenn die Person fliessend Deutsch spricht!) ich glaube aber auch, dass ziemlich viele Europäer das Unbekannte und Mystische  verklären und gar nicht daran interssiert sind, zu verstehen. So stehen sie sich irgendwann selbst im Weg.

Auf dem Weg

Gelegentlich lese ich etwas von spirituellen Gefahren, aber so recht will dann doch niemand damit herausrücken, was genau passieren könnte. Ich stelle hier zusammen, worauf ich bisher achte und ich hoffe natürlich, ich werde auf meinem Weg niemals die falsche Gabelung nehmen.

Disclaimer: Ich teile hier nur meine Gedanken. Erforsche, was dich ansprichst und ignoriere, was für dich falsch ist.

  • Sei vorsichtig, wenn du jemandem etwas offensichtliches sagen willst. Auch wenn dir klar scheint, womit die Migräne zusammenhängt, du kannst dich irren oder die Person mag nicht dafür bereit sein. Niemand krempelt sein Leben von heute auf morgen um, Änderungen gehen immer Gedanken voraus, die die meisten mit niemandem teilen.
  • Der wichtigste Mensch auf der Welt bist Du. Danach kommen dein Partner, deine Familie, deine Freunde. Du bist keine Hilfe, wenn du ausgelaugt bist. Du kommst nicht weiter, wenn du lieber die Probleme deiner Freunde als deine eigenen löst.
  • Ob du einen Mentor suchst, eine Psychotherapie machst oder einfach nur Sport: Achte auf die Wortwahl des Lehrers. Ob du Vinyasayoga oder Bootcamp machst, eine Freudsche Analyse oder Urschreitherapie, ob dein Ego gebrochen, dein Ich vernichtet oder deine wahre Natur wiedergeboren wird, ist Geschmackssache. Eine Wortwahl, die dich abstösst, ist kein Umgang für dich. Das ist ok.
  • Der Weg ist oft steinig, einsam (nur schon mein Umzug in eine kleinere Wohnung löste bei manche Bekannten Unbehagen aus) und eine Einbahnstrasse. Du kannst nicht zurück, dein altes Leben würde sich falsch anfühlen. Du hast aber jede Menge Gabelungen sehr viele Wahlmöglichkeiten. Dein Weg kann auch darin bestehen, wie Super Mario von Ranke zu Ranke zu klettern (und explodierenden Viehern ausweichen), wenn dir das Bild besser entspricht. Mein Weg ist ein verschlungener Waldpfad. Meistens ist es angenehm warm, weil die Sonne durch die Blätter scheint.
  • Der Dalai Lama hat niemanden gebeten zu konvertieren, das Arbeiten und Beten im Ashram machen nicht einfach so glücklich und Reisen löst keine Probleme. Nutze eine fremde Umgebung, um konzentriert eine Lösung zu finden, glaube aber nicht, das Problem werde sich in Luft auflösen während deiner Abwesenheit. Die Bombe bleibt nicht zu Hause, sie ist immer bei dir.

Was passieren kann, wenn du nicht aufpasst? Du kannst Freunde und Familie verlieren, weil du nicht auf ihre Bedürfnisse achtest. Gönn deinem Partner den Spass, zwei Mal pro Jahr betrunken auf dem Sofa zu übernachten. Gönn deiner Partnerin die Luxustasche, auf die sie  6 Monate gespart hat und verkneife dir Kommentare über ihren Materialismus. Dein 15o-Franken-Stabmixer ist nicht besser.

Du kannst deine Gesundheit oder sogar dein Leben verlieren, ,wenn du im falschen Moment eine alternative Heilmethode annimmst und die konventionelle abbrichst. Krankheiten sind zunächst einfach Krankheiten, dein Körper bekämpft Bakterien oder Viren, die dich krank machen. Warte, bis du gesund bist und einen klaren Kopf hast, bevor du dich langsam an alternative Heilmethoden herantastest. Falls du überhaupt willst. Ich mag spirituell interessiert sein, das hindert mich nicht daran, meine Erkältung mit der Salbe aus der gelben Tube zu behandeln, dabei Cola zu trinken und Salzstengel zu essen.

Du kannst deinen Job verlieren,  weil du Dinge ändern willst, die anderen nicht einleuchten. Argumentiere mit der Produktivität deines Teams, lass deine Spiritualität aus dem Spiel (niemand mag Missionare) oder such dir eine andere Stelle, wenn du die Möglichkeit dazu hast. Wenn nicht, sieh es als deine Aufgabe, das beste aus der Situation zu machen und lerne, dich abzugrenzen. Denk gut darüber nach, ob eine Reikiausbildung wirklich dein Problem löst oder nicht doch eine Flucht bedeutet. Dein Leben ist hier und jetzt auf der Erde in deinem Körper.

Was die einen als spirituelle Krise bezeichnen, ist für andere ein psychischer Zusammenbruch. Ich will hier nicht darüber diskutieren, was richtig ist, aber meiner Ansicht nach besteht der  wesentliche Unterschied darin, ob man die Geister im Griff hat und zu festen Zeiten mit ihnen kommuniziert, oder ob sie die Führung übernehmen und sich ständig in alles einmischen. Hol dir Hilfe und sorge für Ruhe, wenn in deinem Kopf alles drunter und drüber geht.

Mitgefühl heisst nicht, dass du dich heulend unter der Bettdecke verkriechst (geh zum Arzt, wenn du nach einigen Wochen nicht wieder das Bedürfnis hast, das Bett zu verlassen). Mitgefühl heisst auch nicht, dass du den Palästinensern einen eigenen Staat und gleichzeitig den Israelis die Pest an den Hals wünschst. Mitgefühl heisst nicht, dass du Menschen anfängst zu hassen, weil sie Tiere quälen oder essen. Mitgefühl ist das Bewusstsein dafür, dass Menschen fast immer einen Grund haben, so zu handeln, wie sie es tun. Wenn du etwas nicht verstehst, dann geh weiter. Zwing dich nicht, einen Massenmörder zu verstehen, wende dich erfreulichen Dingen zu.

Das erste und einfachste, was du tun kannst ist: Tief durchatmen. Manche Dinge sind universell, aber es gibt 1000 Möglichkeiten, sie zu beschreiben.

 

Bewusst essen V: das Schokoladentäfelchen

Vor vielen Jahren, ich war knapp volljährig, lud mich die Mutter einer Freundin auf einen Kaffee ein, genauer gesagt, auf einen Eistee. Unsere Getränke wurden serviert und auf der Untertasse lag auch ein Schokoladentäfelchen. Ich mag Schokolade, aber ich esse sie nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Sie bot mir die Süssigkeit an, die ich höflich ablehnte, eben weil ich gerade ganz zufrieden war. Na los, du magst doch Schokolade, hier, nimm sie! Drängte sie mich. Ich bedankte mich und ass die Schokolade, war allerdings etwas genervt. Selbige Mutter hatte früher angedeutet, ich sollte vielleicht weniger essen.

Vorgestern Abend hatte ich kaum Hunger. Ich war nach der Arbeit noch shoppen, las in meinem neuen Buch (siehe unten) und wartete geduldig auf Appetit. Er kam aber nicht. Ich hatte auch keine Lust auf gebratene Nudeln mit Gemüse, so dass ich am Ende einfach die Banane ass, die ich noch hatte und mich angenehm gesättigt ins Bett begab. Am nächsten Morgen, Freitag, hatte ich nicht einmal mehr Hunger als sonst und selbst das Mittagessen war recht ausgewogen.

Am Abend wollte ich meine Schwester treffen und  begab mich auf den Heimweg, beim Laufen wollte ich wieder runterkommen und Appetit entwickeln. Dann klingelte mein Telefon und sie lud mich spontan gleich zum Nachtessen ein. Sie kocht ziemlich gesund, aber auch schmackhaft, unsere Kochkünste sind quasi Geschwister. Nach dem Risotto gabs als Dessert selbstgemachtes Eis und zu viert teilten wir uns eine Fruchtschnitte. Allerdings blieben einige Stücke übrig. Wir brachen auf zu einer kleinen Bartour.

Nach einigen harmlosen Drinks liefen wir spätabends nach Hause, gönnten uns einen Likör und da lagen noch diese Fruchtschnitten auf dem Tisch. Ich war immer noch angenehm satt, hätte aber problemlos eine oder auch zwei Stücke essen können. Ich überliess sie trotzdem meiner Schwester und in diesem Moment kam mir wieder die Geschichte mit den Schokoladentäfelchen in den Sinn und das Buch, das ich gerade am Lesen bin. Ich hätte die Schnitte ohne schlechtes Gewissen gegessen, beschloss aber, diese Situation als Übung zu betrachten, gerade nicht zu essen, wenn ich nicht unbedingt will. Meine Beherrschung wurde auf die Probe gestellt, als sich der Schwager zu uns gesellte und sich ein Streichkäsebrot zurechtmachte, aber letztlich blieb ich problemlos standhaft. Ich empfand es nicht als Leistung, es ging viel mehr darum, mir bewusst zu werden, dass ich eben Nein gesagt und auf meinen Körper gehört hatte.

Nun also das Buch. Ich lese „Essen als Ersatz“ von Geneen Roth, ein Buch, das vor 30 Jahren erschien, mehrmals überarbeitet wurde und somit nach wie vor sehr aktuell ist. Themen sind Binge Eating, Essen als Ersatz und emotionales Essen. Bisher habe ich mich geweigert, ein solches Buch zu lesen, ich hatte (habe immer noch) nicht das Gefühl, zur Zielgruppe zu gehören. Verbotene Nahrungsmittel? Ekzessives Sporttreiben nach Weihnachten? Der Kaloriengehalt meiner gelegentlichen Big Macs? Kenne ich alles nicht. Ich hatte aus reiner Neugier Artikel zum Thema Essstörung gelesen, aber da ich nicht so recht ins Schema passte, blieb es bei distanziertem Wissen.

Ich bin erst im zweiten Kapitel, aber ich mag Roths Schreibstil, sie beschreibt sehr gut, wie wir (oft Frauen) denken. Wie wir, statt einfach jetzt zu essen, was wir wirklich brauchen, an die Zukunft denken oder die Vergangenheit, wie wir unsere Sünden wettmachen oder künftige vermeiden könnten. Korrekt essen nimmt quasireligiöse Züge an.  Aber vorallem hat sie viele konkrete Übungen bereit. Ich werde zuerst das Buch lesen und interessante Gedanken anstreichen (das mache ich sonst nicht) und danach mit der einen oder anderen Übung anfangen. Sie geht soweit zu sagen, man solle, wenigstens bei Freunden, geradeheraus sagen, dass man gerade gar keinen Bock auf Spargeln mit Rohschinken hat und stattdessen etwa um ein belegtes Brot bitten. Das ist auch bei Freunden nicht einfach, aber mich entlastet allein das Wissen, dass sowas dazugehört, man eben gerade überhaupt keine Spargeln verträgt. Heute habe ich Kabis gekauft, voller Vorfreude auf einen gesunden Tag, aber als ich zu Hause ankam, war mir nach Chips. Ich habe trotzdem Kabissalat gemacht, danach jedoch Chips geholt. Das ist nicht optimal, ich weiss nämlich eigentlich, dass ich bloss zu wenig Salz aufgenommen habe. Es gäbe also ganz sicher bessere Möglichkeiten, mein Defizit aufzuholen. Aber ich bin vorerst zufrieden damit, solche Dinge immer besser wahrzunehmen.

Ich hatte auch noch Ferien, zum ersten Mal nach fast 20 Jahren mit meinen Eltern. Das ging im grossen und ganzen gut. Interessant ist, dass wir viel draussen waren und liefen und ich teilweise mit sehr wenig Essen zurechtkam. Es war heiss, ich trank ziemlich viel Wasser und recht mühelos ass ich Abends den einen oder anderen Salat. Mich hat allerdings genervt, dass wir tagsüber das Wasser teilten, das für mich manchmal nicht genug war, meine Eltern am Abend meistens ein Bier tranken und mich dann jedes Mal etwas schräg anguckten, wenn ich auf mein Wasser bestand. Ich schrieb gerade, ich hätte recht viel Wasser getrunken, allerdings stimmt das nur zur Essenszeit. Wenn ich nicht weiss, wann und ob ein WC verfügbar sein wird, trinke ich weniger als wenn ich zu Hause bin und mein eigenes WC habe oder weiss, dass 3 Minuten entfernt ein kostenloses zur Verfügung steht. Jeden Abend 3/4 Liter Wasser zu trinken, während die anderen sich auf ihr Bier freuen war, manchmal anstrengend. So, wie das Schokoladentäfelchen oder viele andere Situationen. Sich zu belohnen ist so weit verbreitet, dass „Verweigerer“ manchmal fast als Spielverderber betrachtet werden. Dabei ist mir ziemlich egal, was andere essen.